Gastbeitrag von Andreas Motschmann

Andreas Motschmann
Andreas Motschmann, Santa Cruz, Bolivien

Aktiv und fit sein - auch durchs Ehrenamt

Liebe noch nicht ehrenamtlich Engagierte (hier bereits Aktive dürfen meinen Beitrag gerne als Bestätigung verstehen), liebe Leserinnen und Leser, gehören Sie noch nicht zu den vielen Millionen Menschen in Deutschland, die sich jedes Jahr am 5. Dezember beim „Internationalen Tag des Ehrenamtes“ ein bisschen feiern lassen? Auch Sie können eine oder einer von rund 17 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland werden. Das Freiwilligen-Zentrum Aktive Bürger Lichtenfels freut sich auf Sie.

Diese tolle Initiative mit rund 400 engagierten Ehrenamtlichen gibt es seit 14 Jahren! Werden Sie zum Beispiel Lesepate oder Lesepatin. Fast 100 von ihnen lesen bereits in Kitas vor; sie lesen Kindern Geschichten vor und kommen mit ihnen ins Gespräch. Als Sagen- und Märchenerzähler begrüße ich sehr, dass Kinder Geschichten lesen und Geschichten vorgelesen bekommen. Viele bringen sich als Leselernhelferinnen und Leselernhelfer in Schulen ein. Den Kindern schenken sie Zeit, üben mit ihnen und vermitteln Freude am Lesen. Sie stärken so diese Schlüsselqualifikation für den Erfolg in der Schule und auch später im Berufsleben.

Über dieses Engagement berichtete mir im letzten Jahr für einen Beitrag im Obermain-Tagblatt die langjährige Lesepatin Sigrun Schweigert. Seit 2011 engagiert sie sich im Kindergarten und an der Grundschule in Michelau. Jeden Mittwoch liest sie im Kindergarten Märchen vor oder erzählt frei. Nach Absprache mit der Schule und den Eltern unterstützt sie außerdem in diesem Schuljahr einmal pro Woche zwei Grundschüler. Besonders leseschwache Schüler oder Migranten benötigen Hilfe bei der Leseförderung. Die engagierte Seniorin ist zusätzlich Schulweghelferin und auch aktiv beim BRK. Wie Sigrun Schweigert engagieren sich am Obermain zum Glück viele weitere Personen.

In unserer Zeit, in der viele Menschen glauben, sie könnten sich durch Versicherungen gegen alles absichern, ist freiwilliges Engagement wichtig. Es geht um Selbsthilfe. Vor Generationen war Nachbarschaftshilfe selbstverständlich, Familienangehörigen wurde geholfen. Ich erinnere mich: Meine Eltern hatten keine landwirtschaftliche Krankenversicherung. Bei einem Unfall oder einer größeren Krankheit musste ein Tier verkauft werden; oft wurden die Geschwister meiner Eltern um finanzielle Hilfe angefragt. Man unterstützte sich im großen Familienverbund auch bei größeren Arbeiten. Freiwillige unentgeltliche Hilfe bei einem Herbstputz oder beim Bau eines Vereinshauses war die Regel. Das hat in den letzten Jahrzehnten nachgelassen. Viele haben sich ins Private zurückgezogen und sind froh, nicht mehr auf die Hilfe der anderen angewiesen zu sein. Dafür haben sie sich gleichzeitig nicht mehr um das Gemeinwohl gekümmert. Seit vielen Jahren gibt es Gott sei Dank Gegenbewegungen. Wer sich beispielsweise bei den „Aktiven Bürgern“ engagiert, erfährt als Helfender Anerkennung und bewegte Begegnungen. Geld ist nicht das Allerwichtigste!

Seit über 18 Jahren lebe ich in Bolivien. Eine totale Absicherung, wie sie die meisten in Deutschland kennen, gibt es in Bolivien nicht. Eine private Krankenversicherung haben die wenigsten, eine Pflichtversicherung gibt es nicht. Wenn jemand einen Unfall oder eine größere Krankheit hat, ist er auf Hilfe in der Verwandtschaft oder von Freunden angewiesen. Der Staat hilft nicht! Die staatliche Rente, welche die meisten bekommen, beträgt umgerechnet 50 Euro. Davon kommt man trotz geringerer Lebenshaltungskosten auch in Bolivien nicht über die Runden.

Ohne die Hilfsbereitschaft anderer geht es nicht. Wie sollen Eltern die Schuluniform und die Schulsachen ihrer Kinder bezahlen, bei einem Mindestlohn von umgerechnet etwa 350 Euro? Familien sind auf private Hilfe angewiesen oder müssen sich verschulden. Explosionsartig steigen die Preise, auch die für Grundnahrungsmittel. Bestimmte Lebensmittel gibt es oft gar nicht, an der Tankstelle ist stundenlanges Warten angesagt.

Vielleicht ist aus diesen Gründen der Familienzusammenhalt in diesem südamerikanischen Land so groß. Trotz all der täglichen Sorgen sehe ich freundliche und lebensfrohe Gesichter. In Deutschland vermisse ich bei meinen Besuchen oft die strahlenden Gesichter. Jammern auf hohem Niveau ist in Mode. Inzwischen werden in Deutschland zum Teil Familienbesuche als lästige Pflichtübungen empfunden. Der Freundeskreis und die eigenen Hobbys scheinen wichtiger zu sein.

Mit Familienangehörigen und im Freundeskreis können wir darüber sprechen und über unseren eigenen „Tellerrand“ hinausschauen. Vielleicht gelingt es uns, wieder mehr Menschen zu ermutigen, sich als Ehrenamtliche zu engagieren. Wir wollen alle aktiv und fit sein. Dies sollte nicht nur für die körperliche Fitness zutreffen. Auch im sozialen Engagement können wir uns fit halten. Es gibt viele Möglichkeiten. Eine davon kann die Mitarbeit bei den „Aktiven Bürgern“ sein.

Herzlich grüßt
Ihr Andreas Motschmann

Kontakt: a.motschmann08@gmail.com

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