Wer vorliest, tut was Gutes. Warum? Das lesen Sie hier

Iris Birger
Iris Birger, Mitglied bei den Aktiven Bürgern und
Kooperationspartnerin mit ihrem Blog "Kinderbuch-
stabensuppe"

Als Kind war ich keine Leseratte und auch kein Bücherwurm. Mehr als die auferlegte Schullektüre stapelte sich da nicht bei mir. Heute - als freie Journalistin, angehende Lese- und Literaturpädagogin und selbst Mama einer Erstklässlerin - weiß ich, wie wichtig das Vorlesen und Lesenlernen ist.

Mit dem Vorlesen haben wir Eltern bereits vor der Geburt begonnen. Das mag vielleicht ungewöhnlich klingen, und dennoch weiß die Medizin längst, dass das Ungeborene unsere Stimmen wahrnehmen kann und wir über unsere Stimme eine Verbindung knüpfen können. Vorlesen spendet also bereits vor der Geburt Ruhe, Nähe und Austausch.

Im frühen Kleinkindalter setzen sich diese Aspekte fort und zudem hilft das Vorlesen beim Spracherwerb. Im Vorschulalter beginnt das Interesse an ersten Buchstaben, dem Schreiben des Namens oder vielleicht schon dem ersten Lesen von Wörtern. Von da an bleibt Lesen ein Grundstein für die weitere Entwicklung und Bildung. Wer lesen kann, kann verstehen.

Ganz frisch erreichen mich heute zwei positive Beispiele aus der Grundschule meiner Tochter. Dank einer großzügigen Spende erhält dort jedes Kind einen Büchereiausweis für ein Jahr. Und im April wird es in der Schule eine spannende Vorleseaktion namens "Lesen aus dem Schuhkarton" geben.

Neben diesen erfreulichen Nachrichten auf der einen Seite sorgen auf der anderen Seite die bekannten Studien wie z.B. die der Stiftung Lesen bei mir nicht mehr für Schrecken. Sie beeinflussen mich auch nicht dahingehend, nur auf systemische Fehler zu blicken. Nein. Ich verspüre beim Lesen dieser Ergebnisse tiefe Traurigkeit den Betroffenen gegenüber, den Kindern. In ihren jungen Jahren fehlt es an vielen Stellen an Unterstützung. Der aktuelle Vorlesemonitor der Stiftung Lesen besagt: "39% aller Eltern in Deutschland lesen ihren Kindern im Vorlesealter von einem Jahr bis acht Jahren selten oder nie vor." (Quelle: Stiftung Lesen).

Es zeigt sich darin auch, dass viele Eltern erst sehr spät mit dem Vorlesen beginnen und mit dem Eintritt ins Schulalter damit wieder aufhören, obwohl gerade in dieser Phase die Unterstützung der Eltern beim gemeinsamen Lesen wichtig bleibt, um dem berühmten Leseknick in dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Ein weiteres spannendes Ergebnis liegt im Besitz der Bücher in den befragten Haushalten: "44 % haben maximal 10 Kinderbücher." Eine Zahl, die auf den ersten Blick niedrig erscheint, denn die Zahlen belegen auch, je mehr Bücher in einem Haushalt vorhanden sind, desto häufiger wird vorgelesen. Dieser Punkt lässt jedoch Spielraum dahingehend, wie häufig diese Familien Büchereien oder Bibliotheken besuchen, um dort an eine Vielzahl unterschiedlicher Medien zu kommen. Bücher, Tonies, Spiele – so weit das Auge reicht. Ein nachhaltiger Ansatz: weniger kaufen und dafür mehr leihen.

Es ist belegt, dass selten vorgelesen wird und dass es an einem breiten Lektüreangebot fehlt. Doch wie bringen wir Bücher und Kinder bzw. deren Vorlesende zusammen? Hier hätte ich gleich mehrere Ideen, die bei weitem nicht neu und in vielen deutschen Städten und Kommunen bereits praktiziert werden.

Neben den vielen ehrenamtlichen Lesehelferinnen und -helfern in den Grundschulen sowie den Lesepatinnen und -paten in den Kindergärten könnten auch die Büchereien nicht nur bei sich, sondern gerade während der Kernzeiten der Betreuungseinrichtungen vor Ort Angebote durchführen. Kürzlich erfuhr ich auf einer Weiterbildung von einem sogenannten Bobby-Car-Kino, um so die Kinder für Bücher zu begeistern. Auf dem Bobby-Car hört es sich doch gleich viel lustiger zu.

Und um die Freude der Kinder an Büchern aufrecht zu erhalten, wäre es von Vorteil Angebote wie einen kostenlosen Büchereiausweis sowie einen "Büchereiführerschein" bereits mit Eintritt in den Kindergarten anzubieten. So kämen Kinder spätestens mit drei Jahren mit Bilderbüchern in Kontakt und die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Eltern sie in die Bücherei begleiten und das kostenlose Angebot nutzen, könnte steigen.

Vielerorts gibt es sogar bereits zur Geburt einen kostenlosen Büchereiausweis als Willkommensgeschenk für den Nachwuchs. Eine frühere Leseförderungsmaßnahme geht kaum.

Immer wieder höre ich auch von Beispielen, bei denen es zu einer bestimmten „U“-Untersuchung beim Kinderarzt ein Buch als Geschenk gibt oder dann spätestens zum Schuleintritt, bei dem jedes Kind ein Erstlesebuch überreicht bekommt.

All diese - leider noch nicht bundesweit einheitlichen - Beispiele zeigen, dass es gute Ideen gibt und dass diese bei weitem leider nicht bei jedem Kind ankommen. 2017 zeigte uns die IGLU-Studie, dass knapp 19% aller Grundschülerinnen und -schüler nach der 4. Klasse nicht ausreichend lesen können. (Quelle: BMBF).

Diesen Kindern fehlt die Fähigkeit sinnerfasst zu lesen. Im weiteren Verlauf werden diese Probleme an den fortführenden Schulen, die sinnerfasstes Lesen voraussetzen, nur verschleppt und verstärkt. Wie soll man eine Klassenlektüre gemeinsam lesen oder wie können Textaufgaben in Mathe verstanden werden, wenn das Lesen schwerfällt?

Es bleibt abzuwarten, wie die im Mai erscheinende Fortsetzung der Studie die aktuelle Situation bewertet. Eines wird dabei vermutlich zum Vorschein treten: Die digitale Kompetenz der Kinder ist enorm gestiegen durch die Jahre der Pandemie und des Home Schoolings.Wie aber sieht es mit dem Vorlesen und Lesen aus? Sind das Lesen und Verstehen von Texten weiter gesunken und werden nach der 4. Klasse noch mehr Kinder nicht ausreichend lesen können? Wer fängt diese Kinder auf?

Kinder brauchen Vorbilder. Doch wie häufig noch sehen Kinder Erwachsene, die die Nase in ein Buch oder die Tageszeitung stecken, anstelle auf das Display des Handys zu blicken? Daher zum Abschluss meine Frage: Welches Buch könnten Sie mal wieder in die Hand nehmen, und wann haben Sie das letzte Mal vorgelesen und dieses kleine Glück genossen?

Mit herzlichen Lese-Grüßen
Ihre Iris Birger

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