Wegweiser und Brückenbauer - Aktive Bürger bieten seit April beim Jobcenter praktische Alltagshilfe

Der junge Mann mit den dunklen Haaren guckt schüchtern durchs Glasfenster. Dann öffnet er vorsichtig die Tür und tritt unsicher in den Raum. Offen lächelnd bittet ihn Gaby Berg zu sich. Sie gehört zum Dreierteam der Aktiven Bürger, das seit April zweimal wöchentlich in der ehemaligen Portiersloge des Jobcenters Lichtenfels Menschen eine praktische Alltagshilfe gibt. Beispielsweise beim Verstehen von Formularen und behördlichen Schreiben, bei Verträgen oder Rechnungen. Gaby Berg gibt wie ihre Mitstreiterinnen Ludmilla Ubeda oder Gitte Broome aber auch Tipps, welche Behörde für welches Anliegen zuständig ist – und hilft noch viel mehr.

Geduldig und kompetent

Doch Hilfe ist beim Anliegen des jungen Mannes gar nicht so einfach. Zum einen spricht er kaum Deutsch, auch Englisch kann er nicht. Dafür zieht er aus seinen Taschen zahlreiche Zettel – amtliche Schreiben, eine Bewerbung, einige mit der Hand beschriebene Papiere. Gaby Berg sieht sich den Wust an Unterlagen an, auch Ludmilla Ubeda kämpft sich durch die Papiere.

Mit viel Nachfragen und einer Engelsgeduld kommen die beiden Aktiven Bürgerinnen schließlich dahinter, was den Mann bedrückt. Weil er notwendige Leistungen nicht erbracht hat, hat ihm eine Behörde Zahlungen gekürzt. Die Frauen sagen ihm schließlich, in welcher Abteilung des Jobcenters ihm geholfen werden kann.

Für Freddy Schrodt, Teamleiter Markt und Integration des Lichtenfelser Jobcenters, sind Gaby Berg, Ludmilla Ubeda und Gitte Broome ein Segen. „Wir haben zwar zwei Mitarbeiter in unserer Mannschaft, die sich ausschließlich um Geflüchtete kümmern, beispielsweise um Sprachkurse, Bewerbungshilfen und einiges mehr. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, die Menschen bei der Wohnungssuche zu unterstützen oder beim Briefverkehr mit Banken oder der Krankenversicherung“, sagt Schrodt.

Riesiges Kompliment

Natürlich hätten die Kollegen trotz fehlender Zuständigkeit geholfen, wo sie nur konnten, doch die Kernaufgabe der Jobcenter-Mitarbeiter sei eine andere. Und auf diese könnten sich er und seine Teammitglieder wieder konzentrieren, so Schrodt, der den drei Aktiven Bürgerinnen ein „riesiges Kompliment“ aussprach, dass diese sich so schnell in ihre Aufgabe eingearbeitet hätten.

Doch Gaby Berg, Ludmilla Ubeda und Gitte Broome kümmern sich nicht nur um Geflüchtete. Das betonen Erhard Schlottermüller und Josef Breunlein vom Führungsteam der Aktiven Bürger. „Wir wollen die Lebensqualität am Obermain fördern, das ist unser Ziel. Und zwar für alle Bürger. Deswegen freut es uns, dass wir mit dem Lichtenfelser Jobcenter bei einem Runden Tisch zu dieser Lösung gekommen sind“, sagt Schlottermüller. Und Breunlein ergänzt: „Für etliche Probleme gibt es keinen Ansprechpartner. Viele Menschen verstehen Schreiben von Behörden, von Banken oder auch von anderen Firmen nur schwer. Dafür haben wir diese Anlaufstelle geschaffen, die nicht nur für Kunden des Jobcenters, sondern für alle Hilfesuchenden geöffnet ist.“

So fragt beispielsweise eine Einheimische um Rat wegen Unterstützung durch Arbeitslosengeld II. „Mein Mann ist Rentner, ich war bis zu einem Unglücksfall selbstständig. Kann ich jetzt Hartz IV beantragen?“, will sie wissen. Auch sie hatte erst schüchtern geschaut, bevor sie ins neue Aktive Bürger-Büro eintrat. Gaby Berg und Ludmilla Ubeda wissen sofort Bescheid, geben ihr Auskunft. Diese sucht erleichtert den Weg zum zuständigen Sachberater im Jobcenter.

Die zwei Frauen sind seit Jahren bei den Aktiven Bürgern tätig, helfen ehrenamtlich den Menschen, die Unterstützung brauchen. Natürlich auch besonders seit dem Sommer 2015, in dem Frauen und Männer, Kinder und Alte vor Krieg und Terror, Mord und Hass in unserem Land Zuflucht gefunden haben.

Gaby Berg und Ludmilla Ubeda kümmern sich in den Unterkünften um die Hilfebedürftigen, engagieren sich in Sprachkursen, begleiten auch damals bei Behördengängen. „Es ist ja für viele Deutsche schon schwer, einen Brief von einem Amt zu verstehen. Wie soll da ein Mensch, der gar nicht oder nur schlecht unsere Sprache spricht, das Behördendeutsch verstehen? Da kommt eine Anfrage, die mangels Sprachkenntnissen nicht beantwortet werden kann. Dann folgen erste Mahnung, zweite Mahnung und schließlich die Mitteilung, dass Leistungen gekürzt werden. Oder dass, im Falle eines Unternehmens, ein Inkasso-Büro mit der Eintreibung der Schulden beauftragt wird. Für Menschen ohne Sprachkenntnisse ist das eine Katastrophe“, berichtet Ludmilla Ubeda. Dank ihrer Erfahrung als Sekretärin, ihrer Vernetzung mit Behörden in der Region, kann und will sie helfen: „Ich sehe uns als Wegweiser und Brückenbauer. Bei uns muss niemand Angst haben, der eine Frage hat. Die Menschen, die Rat und Unterstützung suchen, wissen unseren legeren Umgang zu schätzen.“

Gaby Berg betont, dass man Leuten Hilfe zur Selbsthilfe anbietet. „Ich fülle gerne einmal ein Formular aus, ich helfe auch gerne einmal bei einer Wohnungssuche. Doch uns geht es darum, dass wir den Menschen zeigen, wie sie selbst ans Ziel kommen“, sagt sie und nimmt sich eines weiteren Hilfesuchenden an. Dieser präsentiert mehrere Rechnungen und Mahnungen. Sein Dilemma sind wie bei vielen an diesem Tag seine schlechten Sprachkenntnisse. Mit großer Geduld und Freundlichkeit versucht sie, ihm zu helfen. In diesem Fall fruchten ihren Bemühungen nicht. Grummelnd zieht der Mann von dannen.

Dafür haben die beiden beim nächsten Kunden mehr Erfolg. Der erscheint mit einem Antrag auf Unterstützung. Wofür? Das kann er in seinem schlechten Deutsch nicht sagen. Doch zwei Telefonate sorgen für Klärung, so dass es schnell eine Lösung für den Hilfesuchenden gibt. Der Mann geht zufrieden zur zuständigen Behörde. Und Gaby Berg und Ludmilla Ubeda freuen sich, wieder jemandem geholfen zu haben.

Öffnungszeiten

Das Beratungsbüro der Aktiven Bürger im Eingangsbereich des Lichtenfelser Jobcenters, Conrad Wagner-Straße 2, ist jeweils montags und mittwochs von 11 bis 13 Uhr von zwei Mitgliedern besetzt. Gaby Berg, Ludmilla Ubeda und Gitte Broome unterstützen alle Menschen – Einheimische, Bürger mit Migrationshintergrund oder Geflüchtete – bei Schriftverkehr aller Art, dem Verstehen und Ausfüllen von Formularen oder geben Tipps für Anlaufstellen im Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Jeweils mittwochs von 10 bis 13 Uhr (oder nach Vereinbarung) ist das Büro der Aktiven Bürger in der Judengasse 14 in Lichtenfels geöffnet.

Weitere Infos gibt es unter Tel. (09571) 1699330, www.buergerstiftung-lichtenfels.de, www.aktive-buerger-lichtenfels.de oder E-Mail: info@aktive-buerger-lichtenfels.de.

Text: Steffen Huber, Obermain-Tagblatt vom 12.11.2018, Bilder: E. Müller, L. Hornung

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