Nicole Gründel hilft mit Improvisationstalent

Wie viele verschiedene Aufgaben und Telefonate kann ein Mensch gleichzeitig bewältigen? Und was bewegt eine Person dazu, anderen, in Not geratenen Menschen völlig selbstlos zu helfen? Menschen, die vor rund fünf Jahren ihre Heimat hinter sich lassen und fliehen mussten. Menschen, denen auf dieser Flucht Schreckliches widerfahren ist. Die Antworten darauf finden sich auf dem Krögelhof, einem idyllisch gelegenen Fleckchen im Fränkischen Jura.

Dort lebt Nicole Gründel, Mitglied der Aktiven Bürger Lichtenfels, gemeinsam mit ihrer Familie und ihren Tieren. Mehrere Aufgaben und Verantwortungsbereiche gleichzeitig zu erfüllen, ist ihr Lebensinhalt. Zwei Tage in der Woche geht sie ihrem Beruf als Sparkassenfachwirtin nach. Daneben gibt es den eigenen Hofladen mit Bio-Produkten. Hinzu kommen geschätzt täglich rund zwei Stunden Ehrenamt über den Tag verteilt, zwischen all den anderen Hauptaufgaben. In dieser Zeit schafft sie es, viele verschiedene Telefonate zu führen, Arzt- oder Amtstermine zu koordinieren, zu übersetzen, tröstende Worte zu finden und Hoffnung zu spenden.

Nicole Gründel ist fester Ansprechpartner der eritreischen Geflüchteten in Lichtenfels. „Meine Jungs“, sagt sie stolz, „das war nicht von Anfang an so. Im Jahr 2015, als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, da war mir sofort klar, dass ich was tun muss. Würde ich in diese Situation geraten und aus meiner Heimat vertrieben werden, dann würde ich mir wünschen, dass es dort Menschen gibt, die meiner Familie und mir helfen und uns bei der Ankunft begleiten, also bei den einfachen Dingen zur Seite stehen, zum Beispiel bei Einkäufen, Behördengängen, Arztterminen, Bewerbungsgesprächen und Wohnungssuchen.“

Zu Beginn engagierte sich Nicole in der Kleiderkammer in Lichtenfels. Als Nächstes unterstützte sie geflohene Jugendliche in Zapfendorf. Es folgte Deutschunterricht. Von dort aus ging es für Nicole Gründel zurück nach Lichtenfels, wo sie seitdem als ehrenamtliche Hauptansprechpartnerin eine eritreische Gruppe von rund 60 Personen unterstützt. „Durch die Ausgabe von Kleidern bin ich in Kontakt mit vielen geflohenen Familien gekommen. Doch nach und nach wurde mir klar, dass ich viel mehr für sie tun kann, wenn ich sie im Alltag begleite. Lebenskunde heißt, in den täglichen Situationen zu helfen. Ich helfe den Leuten, es selbst zu schaffen und Vertrauen in den neuen Alltag zu gewinnen.

Die Augen leuchten bei der Frage, in welcher Sprache sie sich verständige. „Ich spreche ganz normal Deutsch, eben mit Dialekt. Es ist meine Sprache, die sie verstehen. Ich übersetze eigentlich nur von Deutsch in Nicole-Deutsch“, überlegt sie und grinst dabei.

Während des Interviews auf dem heimischen Balkon klingelt das Telefon. Nach dem ersten folgt sofort das nächste Telefonat. Nicole Gründel versucht einer eritreischen Familie zu erklären, dass heute ein Arzttermin sei. Sie spricht langsam, wiederholt ihre Sätze mit viel Geduld und versucht zu erfahren, wo sich die Familie gerade befinde. Es gibt Verständigungsprobleme. Sie greift direkt nach ihrem Handy und ruft Verstärkung an.

Ein eritreischer Freund mit guten Deutschkenntnissen geht ran. Nun vermittelt Nicole Gründel, schaltet das Festnetztelefon und das Handy auf laut und hält beide Apparate aneinander. Es funktioniert. Ihre pragmatische und positive Einstellung „gemeinsam schaffen wir das“ führt wieder einmal zum Ziel.

Auf die Frage hin, welches emotionale Erlebnis ihr in den vergangenen fünf Jahren besonders in Erinnerung geblieben sei, erzählt sie: „Unter meinen eritreischen Freunden gibt es eine wundervolle Frau, eine Mutter, die so unfassbar hart um das Leben ihres Kindes kämpfen musste. Auf dem ersten Teil der Flucht wurde das Kind am Kopf schwer verletzt, als es zwischen zwei Jeeps eingeklemmt wurde. Die Fahrzeuge kollidierten und gingen in Flammen auf. Die Mutter hielt ihr schwer verletztes und bewusstloses Kind in den Armen. Sie flohen drei Tage lang zu Fuß weiter durch die Wüste, bis sie die nächste Stadt und einen Arzt erreichten. Das Kind wurde in der größten Not versorgt, und die Flucht musste unmittelbar fortgesetzt werden. Ab diesem Zeitpunkt jedoch stellte sich die Entwicklung des Kindes ein - Sprache und Motorik gingen verloren. Als ich die beiden kennenlernte und mir die Mutter das Erlebte schilderte, wusste ich, dass wir schnellstmöglich einen Arzt finden müssen, der die Verletzung und ihre Folgen diagnostiziert und der Familie hilft, Schmerz und Leid so Stück für Stück zu verarbeiten. Es gleicht einem Wunder! Die Diagnose bestätigte ein Schädelhirntrauma und lieferte Empfehlungen für die weitere Entwicklung und Förderung des Kindes. Es ist ein unfassbares Glück für dieses Kind, nun eine heilpädagogische Einrichtung besuchen zu dürfen. Es spricht, lacht wieder und auch die Motorik macht große Fortschritte. Ohne diese ärztliche Hilfe in unserer Heimat wäre das Schicksal des Kindes besiegelt gewesen.“

Plötzlich klingelt ein weiteres, drittes Telefon. Die Arztpraxis ist dran, bestätigt den Termin und wenig später auch die Ankunft der Familie. Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: zwei Hände und drei Telefone gleichzeitig. Für Nicole Gründel, deren Herz fürs Ehrenamt schlägt, ist diese Art zu organisieren mittlerweile zum Selbstverständnis geworden. „Das Erlebnis, jemand anderem helfen zu können, gibt einem viel zurück“, strahlt sie.

Nicole Gründel ist ein Mensch, der seiner inneren Stimme folgt, anderen zu helfen, die ohne irgendeine Wahl zu haben, in solche eine Not geraten sind. Durch das Corona-Jahr 2020 sei ihrer Ansicht nach das Ehrenamt viel schwieriger geworden, da ein Teil der Kommunikation aufgrund von Zutrittsbeschränkungen nun nicht mehr direkt selbstständig von den Flüchtlingen erledigt werden könne. Hinzu komme, dass die Bearbeitung vieler Dokumente in diesem Jahr mit Verzögerungen verbunden sei. Die Helferin ist nun mehr denn je gefordert. Sie erklärt: „Für vieles, was die Familien zuvor schon recht gut und mit weniger Hilfe erledigen konnten, bin nun wieder ich im Einsatz, um zwischen verschiedenen Behörden zu vermitteln, Informationen zu beschaffen und für Transparenz zu sorgen. Da sich die Regeln nun schneller verändern, habe ich eine Corona-Chat-Gruppe ins Leben gerufen, in der alle die Infos in einfacher Sprache erhalten.“

Viele blicken derzeit zurück auf ein 2020, wie es keiner zu Jahresbeginn vermutet hätte. Nicole Gründel hingegen schaut nach vorne und hat sehr klare Wünsche für das kommende Jahr. „Was mir in der aktuellen Corona-Phase fehlt, ist jemand vor Ort, der meinen digitalen Dokumentenaustausch final ausdrucken und bei den Flüchtlingen in den Briefkasten zur Unterschrift werfen könnte. Hierdurch hätte ich die Chance, freie Zeit für andere ehrenamtliche Aufgaben zu gewinnen. Ich wünsche mir manchmal, dass noch mehr Leute helfen. Nicht jeder mag das gleich in dem Maße übernehmen, dass er als zentraler Ansprechpartner da ist. Aber Helfer für die Helfer könnten wir bei den Aktiven Bürgern immer einsetzen, zum Beispiel bei kleinen Aufgaben im Alltag. Manchmal ist es eine Küche, die irgendwo abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden muss. Oft sind es handwerkliche Griffe, die man den Flüchtlingen beibringen könnte, sodass sie dann selbst daran weiter arbeiten könnten.“

Text und Bild: Iris Birger, Obermain Tagblatt vom 28.12.2020

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